Ein toller Besuch:

Vereinigung Bergischer Unternehmerverbände e.V. im Dialog mit proviel

750 Menschen, ganz unterschiedliche Lebenswege und eine gemeinsame Frage: Wie gelingt berufliche Teilhabe? Beim Besuch der VBU bei der gemeinnützigen proviel GmbH in Wuppertal wurde sichtbar, wie berufliche Bildung mit praktischer Arbeit und individuellen Entwicklungsmöglichkeiten zusammenkommen.
 
„Hier kann nichts über einen Kamm geschoren werden.“
Beim Rundgang durch die verschiedenen Arbeitsbereiche wird schnell greifbar, was Geschäftsführer Christoph Nieder damit meint. Die Menschen, die zu proviel kommen, bringen unterschiedliche Voraussetzungen mit. Manche haben bereits viele Jahre Berufserfahrung, andere entwickeln ihre beruflichen Fähigkeiten nach einer psychischen Erkrankung neu. Wieder andere stehen ganz am Anfang ihrer beruflichen Erfahrung.

„Hier kann nichts über einen Kamm geschoren werden“, sagt Nieder. Die Erfahrungen und Fähigkeiten seien zu unterschiedlich. Bei proviel gehe es deshalb immer um den einzelnen Menschen und darum, welcher nächste Schritt zu ihm passt. Personenzentriertes Arbeiten ist das Leitmotiv.

1994 wurde die proviel GmbH gegründet, um Menschen mit psychischer Erkrankung oder Behinderung berufliche Perspektiven zu eröffnen. 1998 folgte der erste Werkstattneubau an der Milchstraße. Seitdem kamen weitere Standorte, viele Arbeitsfelder, Qualifizierungsangebote und externe Arbeitsplätze hinzu. Heute arbeiten rund 750 Menschen in den verschiedenen Bereichen von proviel. Der Name steht für „pro Vielfalt“.

Wo aus Qualifizierung echte Arbeit wird
Die berufliche Bildung startet mit einer einfachen, aber wichtigen Frage: „Wo willst du hin?“ Über 27 Monate können sich die Teilnehmenden in unterschiedlichen Arbeitsfeldern erproben, Qualifikationen erwerben und herausfinden, welche Tätigkeit zu ihren Fähigkeiten und Interessen passt. Danach folgt der Übergang in einen passenden Arbeitsbereich der Werkstatt oder auch ein Wechsel in Richtung Erster Arbeitsmarkt. 

In Lager, Metall, Küche, (Elektro)Montage, Fulfillment, Haustechnik oder Versand entstehen Produkte und Dienstleistungen für Unternehmen. Auch der eigene CAP-Markt am Eckbusch gehört dazu. Dort arbeiten proviel-Beschäftigte in einem regulären Kunden- und Geschäftsumfeld. Hinzu kommen eine eigene Bäckerei und ein Schulbistro. Die verschiedenen Arbeitsbereiche sind als echte Betriebe organisiert. Die Beschäftigten übernehmen konkrete Aufgaben, arbeiten an realen Aufträgen und erleben, dass ihre Arbeit gebraucht wird. So können sie ihre Fähigkeiten im Arbeitsalltag einbringen und weiterentwickeln. 

Übergänge brauchen Zeit und Vertrauen
Der Weg in den allgemeinen Arbeitsmarkt verläuft bei jedem Menschen anders. Eine Mitarbeiterin arbeitete 13 Jahre bei proviel und entwickelte in dieser Zeit zunehmend Selbstvertrauen für neue berufliche Herausforderungen. Nach einer zweijährigen Erprobungsphase wechselte sie schließlich auf einen externen Arbeitsplatz im Versand. Jobcoaches begleiten solche Schritte, schaffen Kontakte zu Unternehmen und unterstützen Beschäftigte und Arbeitgebende während des Übergangs. Für Nieder bedeutet der Weg in den allgemeinen Arbeitsmarkt, schrittweise in die Entwicklung der Menschen zu investieren und passende Übergänge gemeinsam mit Unternehmen zu gestalten.

Aus seiner Sicht braucht es dafür mehr Möglichkeiten, zwischen Werkstatt und allgemeinem Arbeitsmarkt zu wechseln und Erfahrungen in unterschiedlichen Arbeitsumfeldern zu sammeln. „Wir müssten offener und durchlässiger werden im System“, sagt er. Gleichzeitig gehört für ihn die „Akzeptanz des eigenen Schutzraums“ dazu. Die Werkstatt kann für Menschen ein passender und verlässlicher Arbeitsort sein, wenn der allgemeine Arbeitsmarkt aktuell noch nicht der richtige nächste Schritt ist. Nicht jeder Weg verläuft gleich schnell, und berufliche Entwicklung braucht Zeit.

Auch für Unternehmen eröffnen solche Wege neue Möglichkeiten. Praktika, Erprobungen und eine begleitete Zusammenarbeit können helfen, passende Aufgabenfelder zu identifizieren und neue Fachkräftepotenziale zu erschließen. 

PIKSL: Digitale Teilhabe im Alltag
Ein Beispiel für den Ansatz von proviel ist das PIKSL Labor Wuppertal. Das Angebot wurde 2023 gemeinsam von forum e.V. und proviel aufgebaut. In der Hofaue erhalten Menschen kostenlos und niedrigschwellig Unterstützung bei digitalen Fragen, etwa rund um Smartphone, Tablet, E-Mail, Apps oder digitale Behördendienste.

Rund 15 Menschen aus dem Werkstattbereich arbeiten hier als digitale Expertinnen und Experten und geben ihr Wissen weiter. Sie kennen viele digitale Hürden aus eigener Erfahrung und unterstützen andere Menschen auf Augenhöhe. Begleitet werden sie dabei von Jobcoaches und medienpädagogischen Fachkräften.

Für die Besucherinnen und Besucher bedeutet das konkrete Hilfe bei digitalen Aufgaben, die im Alltag immer häufiger notwendig sind. Für die digitalen Expertinnen und Experten entsteht ein Arbeitsfeld, in dem sie ihr eigenes Wissen weitergeben, andere beraten und Verantwortung übernehmen. Aus dem, was sie selbst gelernt haben, wird damit eine Fähigkeit, die sie auch beruflich einsetzen können.
 
Qualifizierung als Investition in die Gesellschaft
Für Nieder ist kontinuierliche Qualifizierung eine Investition in die Gesellschaft. Das gilt auch für Menschen, die gesundheitliche Einschränkungen haben, länger aus dem Arbeitsleben heraus waren oder bislang weniger Zugang zu Qualifizierung hatten.

Was daraus entstehen kann, wurde beim Besuch an konkreten Beispielen sichtbar: Eine Beschäftigte wechselte nach vielen Jahren bei proviel auf einen externen Arbeitsplatz. Eine andere absolvierte mit 53 Jahren noch eine Qualifizierung zur Verkäuferin. „Jetzt muss mir meine Enkelin zuhören“, sagte sie anschließend.

Für die VBU ist das ein wichtiger Impuls für den weiteren Diskurs: Qualifizierung braucht Möglichkeiten und verlässliche Rahmenbedingungen, auch für Menschen mit unterschiedlichen Ausgangslagen.

„Mich hat beeindruckt, wie individuell hier auf die Menschen geschaut wird. Bei proviel wird nicht gefragt, was jemand nicht kann, sondern welche Möglichkeiten sich entwickeln lassen. Davon profitieren die Menschen selbst, aber auch Unternehmen, die neue Potenziale entdecken. Das ist am Ende eine Win-win-Situation für alle Beteiligten“, resümiert VBU-Sprecher und Geschäftsführer Michael Schwunk.

Text: Vereinigung Bergischer Unternehmerverbände e.V.; Lena Hoseit, Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit